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September 2006

 So jutsu - Speerkampf


     Bis zur Einführung der Feuerwaffen im 17. Jhdt. galt über Generationen hinweg der Speer als die effektivste Waffe auf den Schlachtfeldern Japans. Fußsoldaten wurden mit ihnen ausgerüstet, um erfahrene Samurai abzufangen oder die Reihen der eigenen Schützen vor feindlicher Reiterei zu sichern. Geübte Krieger benutzen sie vom Pferd aus oder zu Fuß als individuelle Waffe im Kampf Mann gegen Mann.

     Während die einfachsten Fußsoldaten (Ashigaru) oft nur in Kriegszeiten zum Militärdienst gezogen wurden und teilweise über mangelnde kämpferische Erfahrung im Waffenhandwerk verfügten, gehörte der Umgang mit dem Speer für die Angehörigen der Samuraikaste zum praktischen Handwerk. Die Beherrschung dieser Waffe wurde für diese Männer zur Selbstverständlichkeit, in einer Zeit, da Lanzen und Speere zur Grundausrüstung des Waffenarsenals aller Heere gehörte.
     So beinhalteten bereits die ersten und ältesten der uns heute überlieferten Kriegsschulen (Ryu) Techniken, die den Umgang mit den Langwaffen praktizierten. Die Gründer dieser Schulen waren, neben ihrer Kenntnis im Kriegshandwerk, oft auch bekannte Experten im Umgang mit dem Speer.

     Matsumoto Bizen no kami der Initiator der Kashima shin ryu, Iizasa Choisai der Gründer der Katori shinto ryu, Tsukahara Bokuden (Kashima shinto ryu) und andere Samurai waren bereits zu Lebzeiten geachtete Krieger, deren Kenntnis im Waffenhandwerk weit gerühmt war. Die von ihnen geschaffenen Systeme lehrten den Speerkampf (So jutsu) in den verschiedensten Formen, jeweils als Bestandteil ihres Kampfprinzips. Die meisten dieser Schulen waren eigentliche Schwertkampf-Ryu, bei denen So jutsu neben Stock, Naginata (Schwertlanze) und waffenlosen Techniken als Bestandteil eines komplexen Kampfsystems (Sogo bujutsu) beinhaltet war. Hauptgrund der Beschäftigung mit Langwaffen innerhalb dieser Ryu war jedoch die Ausbildung der Schwertkämpfer, die auf gegnerische Angriffe mit Speeren oder Lanzen gedrillt werden sollten. Es gibt schätzungsweise über 450 dieser Schulen, die sich im Laufe der japanischen Geschichte mit dem Speerkampf beschäftigten.

     Im Gegensatz zu den Sogo bujutsu ryu (Komplexe Kriegsschulen) gab es jedoch auch Systeme die sich ausschließlich dem Gebrauch von Speeren (So jutsu ryu) verschrieben hatten. Die meisten dieser Schulen entstanden jedoch erst in der Tokugawa-Zeit, als sich eine allgemeine Spezialisierung der neuen Ryu auf eine einzige Kriegskunst durchsetzte. Das Hauptaugenmerk dieser Schulen lag in der Unterrichtung von Kata (Trainingsformen), bei denen ein Speerkämpfer lernte, sich gegen andere Langwaffen oder Schwertangriffe zu verteidigen. Dieser Fakt steht als hauptsächlicher Unterschied zu den allgemeinen Sogo bujutsu Systemen. Die So jutsu ryu konzentrierten sich vordergründig auf eine einzige Waffengattung - den Speer, wobei die verwendeten Technik speziell auf diese eine Waffe zugeschnitten waren. In den komplexen Schulen, die Speertechniken unterrichteten, unterlagen diese eher den schuleigenen Methoden. Das heißt, sie richteten sich nach einem allgemeingültigen Verfahren und Ryu-typischen Verhaltensmuster, daß es einem Schüler ermöglichen sollte vom Dolch bis zur Langwaffe verschiedenste Waffensysteme mit einem einzigen Kampfprinzip zu beherrschen. Bei solchen Systemen gliederte sich der Speer in ein Lehrprogramm von unterschiedlichen Waffen ein und mußte sich diesem auch "unterordnen". Schulen dieser Art benutzten vor allem Speere mit herkömmlichen, geraden Klingen (Su yari).

     Dagegen bevorzugten die So jutsu ryu vor allem Speere und Lanzen mit besonderen Charakteren oder außergewöhnlichen Klingen. Die Beherrschung dieser ausgefallenen Waffenformen war der große Vorteil, den diese Ryu ihren Schülern boten und die ihnen eine Chance gegenüber anderen Kriegern auf dem Schlachtfeld gab. So spielte das Erlernen von speziell für diese Langwaffen entwickelten Abwehrtechniken, die vorteilhafte Ausnutzung der langen Kampfdistanz der Speere, sowie deren besondere Taktik- und Angriffsmethoden den Hauptinhalt des praktischen Unterrichtes der Ryu.
      

           Verschiedene Speerformen unterschiedlicher japanischer So jutsu ryu:
           Von oben nach unten: Owari kan ryu · Hozoin ryu · Saburi ryu

     Einige der alten So jutsu ryu bestehen noch heute in Japan.
     Gegenüber der allgemeinen Annahme in der westlichen Welt, daß Speerkampf eine wenig entwickelte Kunst für niedere Dienstränge im Mittelalters war, die auf einer geringen Technikanzahl und einer niederen Stufe der Kriegskunst basierte, werden hier verschiedene Stile vorgestellt, deren hohe Kenntnis und Kunstfertigkeit im Umgang mit der Lanze bemerkenswert sind.
     Im folgenden soll ein kurzer Abriß von drei typischen Speerkampfschulen vom Beginn des 17. Jhdt. und deren Kampfmethodik gegeben werden, die den Zusammenhang zwischen Waffenform und Technik verdeutlichen soll..

Saburi ryu
     Die Saburi ryu wurde von Saburi Shigetaka Ende des 16. Jhdt. gegründet. Shigetaka studierte anfangs die Verfahren der Tomita ryu Lanzenkampftechnik, einer Schule, welche auf den Traditionen der berühmten Chujo ryu beruhte. Auf deren Grundlage entwickelte er sein eigenes Speerkampf-System, die nach ihm benannte Saburi ryu. Seine Schule wurde später Vorbild für viele andere Speersysteme Japans, z.B. auch die weiter unten beschriebene Owari kan ryu.

     Unter Gengo Saemon, dem zweiten Großmeister der Schule und Veteranen der Schlacht von Sekigahara (1600), wurde die Saburi ryu zum militärischen Ausbildungssystem der Ikeda Familie unter Ikeda Terumasa (1564 - 1613), dem Herren der Burg von Himeiji, Provinz Harima. Später wurde die Schule dann vom Asano Clan unter Asano Tadayoshi in Mihara, Provinz Bingo, übernommen, wo sie über viele Generationen bis zur Meiji-Periode (1868) Familientradition blieb. Heute hat die Ryu ihren Sitz in Hiroshima, unweit ihrer historischen Heimat in Mihara.

     Die Techiken der Saburi ryu sind speziell auf die der Schule eigenen Waffenform zugeschnitten - einem Speer von 2,97 m Länge und einer enormen zweischneidigen Klinge von fast 70 cm. Außerdem ist die Waffe mit einem großen Klingenfänger (Hadome), mit einer Schenkelbreite von ca. 30 cm, direkt hinter der Spitze ausgestattet. Diese markante Waffe, ein Kagi yari (Schlüsselförmiger Speer), ermöglicht im Kampf besondere Aktionen, wie sie sonst mit herkömmlichen Lanzen so nicht möglich sind. Die Klingenfänger sind die auffälligsten Eigenschaften der Saburi ryu Lanzen. Sie werden primär eingesetzt um gegnerische Lanzenschäfte oder Klingen abzulenken, zu paralysieren und zu blockieren. Ähnliche, wie man es von anderen Defensiv-Waffen, wie etwa dem Jitte kennt, können feindliche Waffen oder gegnerische Körperteile "gefangen" und niedergehalten werden. Dies ist ein Schlüsselpunkt in der Arbeit mit dem Kagi yari in der Saburi Schule. Durch weite Kreisbewegungen werden die gestoppten und abgewehrten, gegnerischen Waffen dann aus der Angriffsbahn gebracht. Eine Besonderheit der Saburi ryu ist, daß die lange Klinge des Speers dabei wie ein Schwert auch zum Schneiden und nicht nur zum Stechen oder Stoßen genutzt wird.

     Die Verfahren der Saburi ryu werden in verschiedenen Kata (Trainingsformen) übermittelt, die sowohl den Kampf Speer gegen Speer, Speer gegen Schwert und auch Soloformen ohne Gegner beinhalten. Des weiteren sind Übungen bekannt, bei denen in Schutzausrüstung nach realistischen Gesichtspunkten, aber mit gepolsterten Waffen, gekämpft wird.

     Die Kata der Saburi ryu gliedern sich in 4 Gruppen; Kihon no kata (Basisformen), Kamayari no kata (Schlüsselspeerformen), Shinso no kata (Reale Speerform) sowie Tachiai no kata (Schwert gegen Speer).

Hozoin ryu
     Die Hozoin ryu (Schule des Schatzspeicher Tempels) ist eine der wenigen japanischen Kampfsysteme welche nicht direkt von einem Angehörigen der Kriegerkaste gegründet wurde. Initiator dieser Ryu war Hozoin Kakuzenbo Inei (1521-1607), der Abt des Kofufuji-Tempels in Nara. Inei studierte die Techniken des Speerkampfes und des Schwertes bei Daizen Daifu Moritada, Kamiizumi Ise no Kami Nobutsuna (Shin kage ryu) und Yagyu Sekishusei Munetoshi (Yagyu Shin kage ryu), einige der berühmtesten Schwertmeister seiner Zeit. Noch heute gehört die Schule der Hozoin zu den bedeutendsten Speerkampfsystemen Japans.

     Die Lanze, welche die Hozoin ryu einsetzt ist ein Jumonji Kama yari (Kreuzförmiger Sichel Speer) mit zwei gleichlangen, seitlichen Beiklingen von 9 cm Länge. Mit einer Waffe dieser Klingenform lassen sich gegenüber einem geraden Speer komplexere Kampftechniken ausführen. Stoßtechnik kombiniert mit horizontalen und vertikalen Offensiv- und Defensivtechniken sind Spezialitäten der Schule. Eine der Charakteristiken der Schule sind schnelle Aktionen aus einer Ausgangsstellung, bei der die Speerklinge kurz über dem Boden zu schleifen scheint. Vor hier aus startet die Waffe ihre Angriffe, die neben Stichen zum Körper auch Attacken zu den Schienbeinen führt, wobei die Beiklingen als "Fußstopper" eingesetzt werden. Eine weitere Eigenheit der Ryu ist eine spezielle Art des Kontrollierens gegnerischer Langwaffen. Dabei wird die eigene Lanze in Rotation versetzt, wobei die Beiklingen den Schaft der gegnerischen Waffe touchieren und somit ablenken. Der Speers wickelt sich quasi um die feindliche Lanze und dominiert somit deren Griff. Dort kann die Klinge bis zur gegnerischen Hand gleiten und so die Führhand des Feindes schneiden. Ein solches Verfahren ist praktisch nur mit Speeren der Kama yari Klingenform möglich und die Hozoin ryu brachte diese Methode zur Perfektion - sie ist das eigentliche Geheimnis dieser Schule.

     Das Partnertraining wird gänzlich ohne Schutzausrüstung durchgeführt, wobei lediglich Lanzen mit gepolsterten Spitzen eingesetzt werden. Die Kata der Hozoin ryu beinhalten in der heutigen Zeit lediglich den den Einsatz Speer gegen Speer - in historischen Zeiten jedoch auch gegen andere Waffenformen.

     Die 35 Kata der Hozoin ryu gliedern sich in jeweils 14 originale Omote- (Basis, offensichtliche Techniken) und 14 Ura-Formen (Fortschritt, verdeckte Techniken), sowie 7 Shin-Formen, (Neue Kata), welche erst nach Inei´s Tod in die Schule eingeführt wurden.

Owari kan ryu
     Die Owari kan ryu (Kan Schule der Provinz Owari) war über Generationen, neben dem Shin kage Schwertsystem, Hausschule der Familie Tokugawa in der Provinz Owari in Mitteljapan, einem Seitenzweig des letzten Shogun-Geschlechtes Japans. Die Heimatprovinz der Ryu lieh ihr auch ihren Namen - die Provinz Owari.

     Tsuda Gonnojo Nobuyuki (1654-1698), ein Gefolgsmann des Fürsten Tokugawa Yoshimichi, war der Gründer dieser Speerschule. Er entwickelte die Techniken dieser Ryu Ende des 17. Jhdt, nachdem er vorher verschiedene andere Speersysteme studiert hatte, wie z.B. die Saburi ryu oder die Itto ryu. Von der Itto ryu übernahm er eine spezielle Lanzenform, die für seine Schule, die Owari kan ryu später so charakteristisch werden sollte - den Kuda yari (Röhren Speer).

     Die Besonderheit des Kuda yari ist, daß der Schaft des 3,6 m langen Speeres innerhalb einer handlichen Metallröhre läuft, wodurch man die Waffe im Stil eines Billard-Queue führen kann. Dabei kontrolliert die Führhand die Röhre, während die hintere Hand für Stoß und Rückführen der Waffe verantwortlich ist. Dieses Verfahren ermöglicht bei Angriffen eine höhere Genauigkeit durch das Zielen mit der Röhre, eine höhere Geschwindigkeit sowie eine größere Reichweite gegenüber den beidhändig geführten Techniken sonstiger Speeren. Dies ist der eigentliche Vorteil der Owari kan ryu gegenüber anderen Speersystemen. Des weiteren beschreibt der Stich mit dem Kuda yari eine rotierende Bahn - er trifft mit einer halbkreisförmigen Bewegung sein Ziel, was ihn für einen Gegner sehr schwer berechnen läßt. Der Stich (Tsuki) ist die Haupttechnik der Owari kan ryu - nicht komplexe Abwehr- oder Angriffsmanöver. In dieser Form unterscheidet sich Aufbau und Anwendung des Röhrenspeers deutlich von allen anderen Speertypen Japans.

     Zum Partnertraining setzt die Owari kan ryu Schutzrüstungen ein, wie man sie auch beim Kendo benutzt werden. Daneben gibt es eine Vielzahl von Kata, welche mit Partner Lanze gegen Lanze ausgeführt werden. Neben dem Kuda yari (5 Kata) werden in der Owari kan ryu außerdem Kata mit herkömmliche Speeren aus anderen Schulen (z.B. Saburi ryu und Itto ryu) sowie Schwerttechniken, welche der Shin kage ryu entlehnt wurden, praktiziert.

      In der Familie des Großmeisters Vanlea Hong, dem Meister von Bernd Schreiber war der Speer seit vielen Generationen (über 300Jahre) die "Lieblingswaffe". Man bevorzugte jedoch einen Yari mit zwei Speerklingen ( an jedem Ende eine ). Die länge betrug jeweils ca. die Achselhöhe des Kämpfers. Man trainierte damit alte, bekannte sowie auch geheime Techniken, die man nur innerhalb der Familie weitergab.

      

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